Domäne · D3

Technische Souveränität & Interoperabilität

Kann der Dienst ohne prohibitiven Aufwand gewechselt werden?"

1. Strategische Bedeutung§

Technische Souveränität misst die Wechselfähigkeit eines Dienstes. Solange ein Dienst nicht innerhalb vertretbarer Frist und zu vertretbaren Kosten gegen einen anderen austauschbar ist, ist der Kunde strukturell von einem einzelnen Anbieter abhängig — unabhängig davon, wie sicher oder transparent dieser Anbieter im Einzelnen ist.

Diese Domäne adressiert daher die strukturelle Verhandlungsmacht. Sie ist die Domäne, die langfristige Preis-, Funktions- und Sicherheitsverhandlungen erst ermöglicht.

Eine hohe Bewertung in D3 verlangt sowohl offene Schnittstellen als auch die nachgewiesene Migrationsfähigkeit in realen Szenarien. Behauptete Portabilität ohne reproduzierbare Exit-Übung zählt nicht.

2. Kernkriterien§

  • Offene Standards und Open-Source-Komponenten

    Anteil offener Standards an Schnittstellen, Datenformaten und Kernkomponenten. Vermeidung proprietärer Sackgassen.

  • Vollständig dokumentierte APIs

    Versionierte, vertraglich stabile, vollständig dokumentierte Schnittstellen für alle administrativen und datenbezogenen Funktionen.

  • Datenportabilität in offenen Formaten

    Exportierbarkeit aller Kundendaten in offenen, dokumentierten Formaten — inklusive Metadaten und Beziehungen.

  • SBOM-Bereitstellung

    Vollständige Software Bill of Materials für eingesetzte Komponenten, regelmäßig aktualisiert, maschinenlesbar.

  • Exit-Kosten-Matrix

    Dokumentierte Aufwands- und Kostenabschätzung für vollständige Migration in vergleichbare Zielumgebungen.

  • Kompatibilität zu Konkurrenzdiensten

    Nachgewiesene Migrationspfade in mindestens zwei konkurrierende Zielarchitekturen — idealerweise als reproduzierbare Referenzimplementierung.

  • Proprietäre Lock-in-Elemente

    Transparente Auflistung aller proprietären Datenbanken, Funktionen, ML-Modelle oder Konfigurationsformate, die einen Wechsel erschweren.

3. Prüffragen (Auszug)§

  1. Welche der vom Dienst genutzten Datenformate sind offen standardisiert?
  2. Ist eine Referenzmigration in eine konkurrierende Zielumgebung dokumentiert und reproduzierbar?
  3. Welche proprietären Komponenten besitzen kein funktionsäquivalentes offenes Pendant?
  4. Existiert eine vollständige, aktuelle SBOM — maschinenlesbar im SPDX- oder CycloneDX-Format?
  5. Welche dokumentierte Exit-Kostenabschätzung liegt für die typische Kundenkonfiguration vor?
  6. Sind die APIs versioniert und mit verbindlicher Deprecation-Frist versehen?
  7. Welche Datenkategorien sind nicht oder nur unvollständig exportierbar?

4. Akzeptierte Evidenz§

  • API-Spezifikationen (OpenAPI, AsyncAPI) inklusive Versionspolitik
  • SBOM im SPDX- oder CycloneDX-Format
  • Exit-Drehbuch mit Schätzung von Dauer, Kosten und Datenverlust-Risiko
  • Reproduzierbares Migrationsbeispiel in eine alternative Zielarchitektur
  • Liste proprietärer Komponenten mit Risikobewertung

5. Level-Schwellen in dieser Domäne§

LevelMindestanforderung in D3
L0Geschlossener Stack ohne dokumentierte Exit-Pfade; Datenformate undokumentiert.
L1APIs und Exportwege vollständig dokumentiert; Datenexport in offenen Formaten verfügbar.
L2Nachgewiesener Exit in vertretbarer Zeit und Kosten; vollständige SBOM; eingeschränkter proprietärer Lock-in.
L3Stack überwiegend Open Source; reproduzierbare Migration in mindestens zwei Konkurrenzziele; keine wesentlichen proprietären Sackgassen.

6. Anschluss an bestehende Standards§

StandardWas abgedeckt istWo EDSO darüber hinausgeht
ISO/IEC 27001Kaum substantieller Bezug zu PortabilitätEDSO ergänzt vollständig
EUCSPortabilitätsanforderungen teilweise enthaltenNachweisbare Exit-Übung nicht gefordert
EU Data ActPortabilitätsrechte gesetzlich verankertOperationalisierbarkeit und Prüftiefe offen — EDSO konkretisiert

7. Typische Audit-Befunde§

  • API-Vollständigkeit nur für gängige Funktionen, kritische Administrationsoperationen nur über Web-UI
  • Export in offenem Format, aber ohne Metadaten und Berechtigungsbeziehungen
  • SBOM nur auf Anfrage und ohne maschinenlesbares Format
  • Versteckter Lock-in über proprietäre Konfigurationsformate
  • Exit-Kostenangaben ohne Referenz auf real durchgeführte Migration

8. Querverweise§