Standard · Level

Vier Level. Eine Hierarchie des Vertrauens.

Von der undurchsichtigen Blackbox bis zur strukturellen Souveränität — eine Stufenfolge mit klaren Mindestanforderungen pro Domäne.

L0 — Undurchsichtige Blackbox§

Keine prüfbare Transparenz. Strukturell ungeeignet für souveränitätskritische Workloads.

L0 bedeutet, dass keine der Bewertungsdomänen die für Souveränität notwendige Transparenz erreicht. Eigentum, Jurisdiktion, Subunternehmer und technische Architektur sind weder dokumentiert noch unabhängig prüfbar. Operative Hebel liegen außerhalb der Reichweite des Kunden — ein Eingriff ist im Konfliktfall nicht möglich.

Typisches Profil: nicht-zertifizierte Massendienste, Dark-SaaS, Schatten-IT, Werkzeuge mit unklarer Anbieterstruktur. Auch zertifizierte Dienste können in L0 fallen, wenn sie zwar Sicherheits-, aber keine Souveränitätsdokumentation vorhalten.

Anwendungsfälle: keine. L0 ist explizit ein Befund, kein Empfehlungslevel — es markiert das Vorhandensein eines strukturellen Souveränitätsrisikos.

Was sich auf L0 pro Domäne ändert
DomäneMindestanforderung
D1Eigentum oder Jurisdiktion nicht dokumentiert.
D2Zugriffe und Schlüsselrollen nicht transparent.
D3Geschlossener Stack, keine dokumentierten Exit-Pfade.
D4Lieferkette weitgehend unbekannt.

L1 — Fundament der Transparenz§

Strukturell verständlich, aber noch ohne operative Eingriffsfähigkeit des Kunden.

L1 markiert das Fundament der Souveränitätsbewertung. Eigentum, Jurisdiktion, Subunternehmer, Architektur und Lieferkette sind vollständig dokumentiert und unabhängig prüfbar. Der Kunde kann verstehen, was er einsetzt — kann aber operativ noch nicht selbst eingreifen oder zentrale Hebel selbst steuern.

Typisches Profil: zertifizierte Hyperscaler-Dienste mit hoher technischer Reife, aber ohne strukturelle EU-Hoheit; etablierte SaaS-Anbieter mit ausführlicher Dokumentation; reife europäische Dienste in der Aufbauphase ihrer Souveränitätsfunktionen.

Anwendungsfälle: nicht-kritische Workloads, Marketing, allgemeine Office-Anwendungen, Kollaboration für nicht schutzbedürftige Inhalte.

Was sich auf L1 pro Domäne ändert
DomäneMindestanforderung
D1Eigentum, Jurisdiktion, Subunternehmer vollständig dokumentiert.
D2Zugriffe und Schlüsselrollen vollständig beschrieben, Protokolleinsicht möglich.
D3APIs und Exportwege dokumentiert, Datenexport in offenen Formaten.
D4Vollständige SBOM und Hardware-Lieferkette; Choke Points identifiziert.

L2 — Operative Kontrolle§

Der Kunde steuert zentrale operative Hebel selbst — Schlüssel, Zugriffe, Datenstandort, Exit.

L2 verlangt nachweisbare operative Kontrolle. Schlüsselhoheit (z. B. HYOK), kundenseitiger Zugriffsentzug, durchsetzbarer Datenstandort und ein dokumentierter Exit-Pfad mit nachgewiesener Migrationsfähigkeit sind die Mindestanforderungen. Der Kunde kann strategisch handeln — nicht nur dokumentieren.

Typisches Profil: souveräne EU-Dienste mit klarer Architektur, europäische Anbieter mit Open-Source-Stack, regulierte Public-Cloud-Angebote mit echtem External Key Management und nachgewiesener Migrationsreferenz.

Anwendungsfälle: NIS2- und DORA-pflichtige Funktionen, elektronische Patientenakte, sektor-kritische Workloads, Public-Sector-Standardanwendungen.

Was sich auf L2 pro Domäne ändert
DomäneMindestanforderung
D1Vertraglich abgesicherte Datenzugriffsregeln nach EU-Recht; Benachrichtigungsrechte.
D2Schlüsselhoheit (HYOK o. ä.); Zugriffsentzug und Datenstandort durchsetzbar.
D3Nachgewiesener Exit in vertretbarer Zeit und Kosten; vollständige SBOM.
D4Diversifizierte Bezugsquellen für kritische Komponenten; Substitutionsstrategie.

L3 — Strukturelle Souveränität§

Strukturelle Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern und außereuropäischen Jurisdiktionen.

L3 markiert die strukturelle Souveränität. Der Dienst kann ohne Kontroll- oder Kontinuitätsverlust gewechselt werden; technische und rechtliche Lieferkette sind diversifiziert und EU-belastbar. Souveränität ist nicht mehr nur eine Eigenschaft des Anbieters, sondern eine Eigenschaft des gesamten Stacks und seiner Alternativen.

Typisches Profil: vollständig auf Open Source basierende Multi-Cloud-Architekturen, KRITIS-taugliche Spezialanbieter mit eigenem Stack, staatlich getragene digitale Infrastrukturen mit dokumentierter Diversifikation.

Anwendungsfälle: KRITIS, sicherheitsrelevante Verwaltung, militärnahe Anwendungen, höchste Souveränitätsschutzziele.

Was sich auf L3 pro Domäne ändert
DomäneMindestanforderung
D1Keine extraterritorialen Zugriffsrechte; strukturelle EU-Unabhängigkeit.
D2Anbieterzugriff auf Inhaltsdaten technisch ausgeschlossen; externe Notarisierung.
D3Überwiegend Open Source; reproduzierbare Migration in mindestens zwei Konkurrenzziele.
D4Tragfähige EU-Alternativen für jede kritische Komponente.

Welches Level für welchen Anwendungsfall?§

Die folgenden empfohlenen Mindestlevel sind indikativ — die verbindliche Festlegung erfolgt sektorspezifisch über Schutzziele und Mindestlevel pro Domäne (siehe Aggregationsprinzip).

AnwendungsfeldEmpfohlenes Mindestlevel
Marketing-CRM, Newsletter, externe Analytics-freie ReichweiteL1
Allgemeine Office- und Kollaborationsumgebungen ohne Personendaten besonderer KategorieL1
Personalakten, allgemeine HR-SystemeL2
Finanzbuchhaltung, ERPL2
NIS2-pflichtige Dienste (Energie, Gesundheit, Verkehr)L2 (D2 ≥ L2)
DORA-pflichtige Kernfunktionen im FinanzsektorL2 (D3 ≥ L2)
Elektronische Patientenakte (ePA) und HostingL2 (D2 ≥ L3)
Behörden mit Verschlusssachen-Bezug (VS-NfD)L3
KRITIS-SteuerungssystemeL3
Sicherheitsrelevante Verwaltung, militärnahe AnwendungenL3 in allen Domänen