Domäne · D3

Datenhoheit

Wer hat Zugriff auf Daten und Schlüssel — und wie ist dies kryptografisch oder organisatorisch nachweisbar?"

1. Strategische Bedeutung§

Datenhoheit entscheidet im laufenden Betrieb, ob der Kunde tatsächlich Souverän seiner Daten ist oder nur formaler Eigentümer. Diese Domäne bewertet die nachweisbare Steuerbarkeit der zentralen datenseitigen Hebel: Schlüssel, Zugriffe, Logs.

Wesentlich ist nicht die Versicherung des Anbieters, sondern die kryptografisch oder organisatorisch nachweisbare Trennung von Daten, Schlüsseln und privilegierten Zugriffen. Vertrauen ohne Nachweisbarkeit zählt in dieser Domäne nicht.

D3 ist die Domäne, in der sich Souveränitäts-Marketing am stärksten von realer Kontrolle unterscheidet. Sie verlangt belastbare technische und prozedurale Evidenz.

2. Kernkriterien§

  • Schlüsselverwaltungsmodell

    Klare Einordnung als Provider-Managed Keys, BYOK oder HYOK — inklusive Beschreibung, welche Operationen ohne Mitwirkung des Kunden durchführbar sind.

  • Privileged Access auf Daten

    Wer im Anbieter darf unter welchen Bedingungen auf Kundendaten zugreifen? Mehraugenprinzip, Just-in-Time-Zugriff, Break-Glass-Verfahren.

  • Log-Integrität und Manipulationsschutz

    Zugriffsprotokolle müssen für den Kunden einsehbar, vollständig und manipulationssicher sein (z. B. Append-only, Hash-Ketten, externe Notarisierung).

  • Vertraulichkeit gegenüber dem Anbieter

    Technische Verfahren (Confidential Computing, Zero-Knowledge-Architekturen), die Anbieterzugriff auf Inhaltsdaten strukturell ausschließen.

  • Zugriffsnachweise

    Nachweis, wer wann auf welche Daten oder Schlüssel zugegriffen hat — auch durch den Anbieter selbst und durch Subunternehmer.

3. Prüffragen (Auszug)§

  1. Welches Schlüsselverwaltungsmodell ist vertraglich vereinbart, und welche Operationen sind ohne Kundenmitwirkung möglich?
  2. Welche Personenkreise im Anbieter haben unter welchen Bedingungen lesenden oder schreibenden Zugriff?
  3. Ist das Zugriffsprotokoll für den Kunden vollständig, manipulationssicher und in nahezu Echtzeit einsehbar?
  4. Wie ist gewährleistet, dass der Anbieter ohne Schlüssel des Kunden keine Inhalte entschlüsseln kann?
  5. Welche Verfahren existieren für Break-Glass-Zugriffe — und wie werden sie protokolliert?

4. Akzeptierte Evidenz§

  • Technische Architekturdokumentation des Schlüsselmanagements (HYOK/BYOK)
  • Auszüge aus PAM-Protokollen und Konfigurationsnachweise
  • Append-only-Log-Architektur oder externe Log-Notarisierung
  • Auditberichte unabhängiger Prüfer zu Zugriffsverfahren (z. B. ISAE 3000)

5. Level-Schwellen in dieser Domäne§

LevelMindestanforderung in D3
L0Schlüssel- und Zugriffsmodell grob dokumentiert; eingeschränkte Protokolleinsicht.
L2Vollständige Dokumentation aller Zugriffspfade und Schlüsselrollen; lesender Protokollzugriff für den Kunden.
L3Kunde steuert Schlüsselhoheit (HYOK oder gleichwertig), kann Zugriffe entziehen; manipulationssichere Logs.
L4Anbieterzugriff auf Inhaltsdaten technisch und organisatorisch weitestmöglich begrenzt; Zugriffsnachweise extern nachweisbar.

6. Anschluss an bestehende Standards§

StandardWas abgedeckt istWo EDSO darüber hinausgeht
ISO/IEC 27001Zugriffskontrolle (Annex A.5.15 ff.) abgedecktSchlüsselhoheit gegenüber dem Anbieter nicht gefordert
SOC 2 Type IIOperative Kontrollen dokumentiertSouveränität gegenüber dem Anbieter nicht Prüfgegenstand
BSI C5Kryptografie und Zugriffsmanagement detailliertStrukturelle Trennung Anbieter/Kunde nur indirekt

7. Typische Audit-Befunde§

  • BYOK-Bezeichnung trotz fortlaufender Entschlüsselungsfähigkeit des Anbieters für operative Funktionen
  • Break-Glass-Verfahren ohne nachvollziehbare Protokollierung
  • Audit-Logs nur retrospektiv und über Anbieter-Portal — keine Manipulationssicherheit
  • Privilegierte Anbieter-Konten ohne Mehraugenprinzip

8. Querverweise§